»Man kann nicht kämpfen, wenn die Hose voller ist als das Herz.«

6.2.2013: DenkTag anlässlich des Tags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27.1.1945

Du darfst nicht weinen, du darfst nicht lachen, du darfst nicht sprechen. Du musst ganz still sein…mit diesen Worten beschwor die Mutter ihre dreijährige Tochter Aviva, alles zu tun, um nicht entdeckt zu werden, als nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Ukraine die nachrückenden SS-Einheiten und Einsatzkommandos Jagd auf alle Juden machten. Wer ergriffen wurde und arbeitsfähig war kam, den deportierten die deutschen Militärbehörden in ein Ghetto oder Arbeitslager, von wo dann ein Einsatz als Arbeitssklave in einem Betrieb der deutschen Militärindustrie bevorstand. Wer alt, krank, widerspenstig oder wie ein Kind arbeitsunfähig war, den liquidierten die deutschen Einsatzkommandos und ukrainische Freiwilligenmilizen vor Ort oder sie verbrachten die Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager, wie in das nahe gelegene Belzec.

Aviva hatte Glück im Unterschied zu ihrem Vater, ihrem älteren Bruder und den meisten Verwandten. Sie überlebte mit ihrer Mutter die Kriegszeit bis zur Befreiung. Sie versteckten sich in der Nähe ihrer Heimatstadt Boryslav in Höhlen und im Wald, wo geflohene Juden provisorische Unterstände gebaut hatten. Als die SS mit Spürhunden nach den geflohenen Juden suchte, gaben ihnen bekannte Ukrainer Unterschlupf in ihren kleinen Häusern hinter Schränken und unter Treppen, manche aus Sympathie, andere nur gegen Bezahlung, aber immer nur so lange, wie das Risiko vor Entdeckung nicht zu groß wurde. Am Ende landeten Aviva und ihre Mutter aber doch in einem Ghetto. Unerwartetes Glück ermöglichte ihnen das Überleben: der Kommandant ordnete nicht die
übliche Liquidierung von Müttern und Kindern an. Aviva und ihrer Mutter, verkleidet als ukrainische Bäuerinnen, gelang es in den letzten Kriegstagen, das Lager zu verlassen, an einem deutschen Wachposten vorbei, der sich – wie Aviva bis heute vermutet – absichtlich umdrehte und die beiden passieren ließ.

Der Krieg war zu Ende, doch das jüdische Leben in ihrer Heimatstadt vollständig vernichtet. Wohin konnte sie gehen außer Israel? Hier lernte sie ihren deutschen Mann kennen. Jahre später kamen beide nach Deutschland zurück. Ihre Enkel leben in Israel. Aviva ist heute ein engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Sie versteht sich als Deutsche und Israelin.

Im Infozentrum unserer Schule war es mucksmäuschenstill, als Avia Goldschmidt ihre unglaubliche Geschichte – zum ersten Mal überhaupt in einer deutschen Schule - erzählte. Sie sprach ruhig, ohne Anklage. Aviva freute sich über die sensible und die unvoreingenommene Atmosphäre in der CvO, welche es ihr und ihrer Begleiterin Cornelia Levi leichter machte, außerhalb einer jüdischen Gemeinde zu sprechen. Angetan war Aviva Goldschmidt auch von der bestehenden Schulpartnerschaft der Carl-von-Ossietzky-Schule mit der Galili-High-School in Kfar Saba, Israel, weil sie nachdrücklich zeigt, dass junge Menschen in beiden Ländern heute gemeinsam Verantwortung leben können.

Eine Schülerin erlebte Aviva Goldschmidt so: Sie ist stark geblieben…ich habe richtigen Respekt vor ihr, weil sie den Mut hatte vor fremden Menschen als Zeitzeugin zu reden.

Markus Müller-Henning, Wiesbaden, den 6. Februar 2013

P.S. Den DenkTag ermöglichte die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Erstellt am 13. Februar 2013
« zurück zur letzten Seite   |    zum Archiv