»Man kann nicht kämpfen, wenn die Hose voller ist als das Herz.«

Vorherige Seite: Gymnasium 1513 Nächste Seite: Tagebücher

Schüleraustausch mit dem Moskauer Gymnasium 1513

Unsere Reise nach Moskau im April 2014

Mit einer Stunde Verspätung kamen wir am 30. März im -2 C kalten Moskau an. Wir waren alle gespannt auf die vor uns liegenden 14 Tage in der russischen Metropole und vor allem auf unsere Austauschfamilien und die Schule.

Eingepackt in dicke Mützen und Schals ging es für viele am nächsten Morgen mit der Moskauer U-Bahn zur Schule, bei einigen stand aber auch der Chauffeur schon bereit.

Schon der erste Tag in der Schule zeigte uns, dass das russische Schulsystem, bezogen auf den Ablauf des Unterrichts sowie die Benotung, deutlich strenger ist. In den folgenden zwei Wochen sollten wir noch einige Male die Gelegenheit haben, am Unterricht der Oberstufe als auch der Grundschule teilzunehmen. Besonders die LEGO-Stunden hatten uns angetan.

In den folgenden Tagen erwarteten uns etliche interessante Ausflüge wie z. B zum Kreml und in die Tretjakow-Gemäldegalerie. In der zweiten Woche standen das Historische Museum und das spannende Planetarium auf dem Programm. Die Highlights des Unterhaltungsprogramms waren für viele das Ballett „Spartakus“ und der Moskauer Staatszirkus mit seinem UFO-Artistik-Laser-Spektakel.

Das Wochenende ersehnten wir alle, denn es stand zur freien Verfügung. Den Samstagmorgen hießen wir alle erst einmal mit Ausschlafen willkommen, doch die restliche Freizeit gestaltete jeder anders: Fahrradtour, Besuch der Fotogalerie in der alten Weinfabrik, gemütliches Beisammensitzen im Kleingarten außerhalb der Stadt, Party in einer riesengroßen Villa. Der Fantasie der Gastgeber und unserem Unternehmungsgeist waren keine Grenzen gesetzt.

Abschließend kann ich sagen, dass wir in diesen Austausch neue Freundschaften, sowohl mit den deutschen als auch den russischen Jugendlichen, geschlossen haben. Das wichtigste war, dass wir Hindernisse wie fehlende Sprachkenntnisse, politische Meinungsverschiedenheiten der Völker und die verschiedene Kulturen hingenommen haben und gemeinsam gemeistert haben. Froh und glücklich …. fielen wir am 11. April unseren Lieben in Frankfurt wieder in die Arme …

Nun bin ich froh, dass wir dieses Jahr eine weitere Reihe Ziegelsteine auf das Fundament unseres guten Austausches legen konnten, welches vor mehr als 20 Jahren gebaut wurde. Wir sind somit dem Bau eines Hauses der internationalen Freundschaften einen Schritt näher gekommen, in dem JEDER erwünscht ist.

Julia Laer

Schüleraustauschfahrt Wiesbaden-Moskau im Frühjahr 2004

Am 21.März 2004 sind wir Rahmen des jährlich stattfindenden Schüleraustausches als Gruppe aus verschiedenen 11.Klassen mit Frau Rueß-Stoll und Herrn Wolf als betreuende Lehrer nach Moskau geflogen. Es sollte bereits die zweite Begegnung mit unseren russischen Austauschschülern werden, waren diese doch bereits im November 2003 für zwei Wochen in Wiesbaden zu Gast gewesen. Alles andere sollte aber eine vollkommen neue und spannende Erfahrung für uns werden und so gestalteten sich bereits die Wochen vor dem Abflug interessant -mit dem Kennenlernen der kyrillischen Schrift für die nicht russisch lernenden Schüler, den Planungen für Gastgeschenke und dem Einstudieren des Kulturprogramms für den traditionellen Abschiedsabend.

Aber bevor von Abschied gesprochen wird, sollte mit dem Ankommen im sonntäglichen Moskau begonnen werden: Herzlich begrüßt von unseren gastgebenden Familien und unseren jeweiligen Gastschülern begann für uns der erste Programmtag in unserer Partnerschule, dem linguistischen Gymnasium Nr.1513 am Montag, dem 22.März.

So hatte man den Sonntagabend Zeit, sich mit der Familie, russischen Gewohnheiten und kulinarischen Besonderheiten vertraut zu machen. Viel zu berichten hatten wir dann natürlich am nächsten Morgen, als wir uns alle in der Schule trafen, um den ersten Programmpunkt unseres Moskau-Aufenthaltes, den Besuch des Borodinopanoramamuseums zu bestreiten. Unsere russischen Partner hatten in der ersten Woche unseres Aufenthaltes Schulferien und konnten uns deshalb stets begleiten. So kamen wir dann auch zum ersten mal in Kontakt mit den für uns sehr ungewöhnlichen, russischen Regeln in öffentlichen Gebäuden: Am Eingang durch einen Metalldetektor gehen, Tasche durchsuchen lassen und anschließend Jacke und große Taschen abgeben...

Erstaunte uns dies anfangs dann doch ziemlich, war es einige Tage später zum gewohnten Alltag für uns geworden, genau wie das große Aufgebot an Sicherheitsmännern in den Straßen und insbesondere in der Metro. Mittags stand dann unser Treffen mit Alexander Bubmann, dem Schuldirektor des Gymnasiums Nr.1513 auf dem Programm: Wir wurden herzlich und in einem fehlerfreien Deutsch begrüßt, er zeigte uns die Schule und beantwortete geduldig jede Frage zu Schule und Schulsystem allgemein. Allesamt sehr angetan von der großen, sehr schönen Schule und der überaus freundlichen Atmosphäre dort wurden wir nun mit unseren Gastgebern in unseren ersten freien Nachmittag in Moskau entlassen.

Und den verbrachten wir überwiegend mit Staunen: über die wahnsinnigen, unübersichtlichen Moskauer Straßenverhältnisse, über gigantisch große Gebäude im Kontrast zu kleinen Gebäuden mit wunderschönen Goldkuppeln, die imposanten Metrostationen, die vielen Menschen und vor allem aber über das gesamte Bild, welches sich uns bot, während unsere Gastgeber uns zielsicher durch die Moskauer Straßen hindurch zu einem Bowlingcenter manövrierten.

Der Dienstag begann ebenfalls mit einem beeindruckenden Kulturerlebnis: Mit dem Bus fuhren wir quer durch die Stadt zu dem etwas außerhalb gelegenen Nowij-Jerussalem Kloster, welches einen historischen Nachbau der als Original in Jerusalem bestehenden Kirche darstellt. Wie bei fast allen anderen Besichtigungen auch, hatten wir eine interessante Führung. Wir Mädchen durften die Kirche nur mit Kopftuch betreten, wie wir erfuhren und bald auch selbst merken sollten, ist dies eine streng orthodoxe Sitte, an die es sich möglichst zu halten gilt, sollte man nicht unangenehm auffallen wollen.

Mittwoch und Donnerstag waren weiterhin gefüllt mit Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten, die etwas außerhalb von Moskau liegen: Wir sahen das Schloss Kuskowo, welches ab 1749 die zweite Sommerresidenz der Adelsfamilie Scheremetew darstellte und ganz im Rokokostil errichtet ist und das berühmte Kolomenskoje, eine ehemalige Zarenresidenz. Ganz besonders in Erinnerung wird uns hier das Folkloreprogramm bleiben, in welches wir aktiv eingebunden wurden und dabei in den Genuss kamen, eine traditionelle, russische Hochzeit zu erleben.

Freitags besichtigten wir dann unter der interessanten Führung der russischen Deutschlehrerin Marina Sorokina den Kreml, insbesondere dessen Kathedralenplatz, der den prachtvollen Mittelpunkt des Kremlgeländes bildet. Im Innern der Uspenskij- Kathedrale bestaunten wir die uns bereits gut bekannte Ikonenmalerei, deren Verehrung noch heute von der russisch-orthodoxen Kirche stark zelebriert wird und auf die in allen Führungen für uns auch immer wieder stolz hingewiesen wurde...

Das Wochenende verbrachten wir alle in unseren Gastfamilien, mit unterschiedlichen Ausflügen, Theaterbesuchen und anderen Erlebnissen. Einige von uns trafen sich auf dem bekannten CD-Markt, auf welchem jede CD für umgerechnet zwei Euro zu erwerben ist. Dementsprechend wurde von deutscher Seite aus auch zugeschlagen.

Der Beginn der neuen Woche stellte zugleich das Ende der Ferien unserer Gastgeber dar. Von nun an begleiteten wie sie in die Schule, hospitierten in einzelnen Unterrichtseinheiten und wurden durch einige Lehrer des Gymnasiums in verschiedene Themenbereiche eingeführt. Für unseren Besuch in der Tretjakovgemäldegalerie z.B. wurden wir durch einen Diavortrag von Frau Makova ausgiebig vorbereitet, für den Besuch des Puschkinmuseums wurden wir zwei Stunden lang mit dem Leben, Schaffen und den Werken Puschkins bekannt gemacht. Diese Zusatzinformationen waren für uns immer sehr hilfreich, da sie das Verstehen erleichterten. Die meisten Nachmittage verbrachten wir mit unseren Gastgebern an unterschiedlichen Orten: mal an der neuen Erlöser-Kathedrale, mal bei Lenin am Roten Platz, an der Basiliuskathedrale oder einfach in einem gemütlichen Café, wo wir uns bei heißer Schokolade und Milchkaffee ausruhen und so manche Ereignisse besprechen und verarbeiten konnten...

Der gemeinsame abendliche Ballettbesuch fand großen Anklang, beeindruckt waren wir vor allem von der tänzerischen Meisterleistung, aber auch von Farbenpracht und Ideenreichtum der Inszenierung und Choreographie.

Sowohl unser Besuch im Puschkinmuseum als auch die Besichtigung der Tretjakovgalerie waren kulturelle Höhepunkte unseres Moskau-Aufenthaltes: Beide boten einen ungetrübten Rück- und Einblick in die russische Vergangenheit, sowohl literarisch, als auch künstlerisch.

Mit dem Ende der Woche nahte bereits unser Abschiedsabend und der darauf folgende Abflug nach Deutschland. Während unseres Aufenthaltes hatten wir einige Male an unserem kleinen Abschiedsprogramm geübt, hatten gesungen, zitiert, jongliert und Theater gespielt. Vor unseren russischen Gastgebern verlief dann natürlich nicht alles ganz glatt, aber unsere Dankesbotschaft kam von ganzem Herzen und ist sicherlich angekommen, mögen manche Töne beim Singen vielleicht auch etwas schief gewesen sein. Wir dankten für schöne 14 Tage: Nicht genug, dass wir zwei Wochen wunderbar aufgenommen, versorgt, bedacht und umsorgt worden waren, nein, auch zum Abschied gab es noch lauter freundliche Worte, tolle Geschenke und einen gesanglichen Abschiedsbeitrag mit traditionellen russischen Liedern. Die Bindungen zu unseren Gastschülern und ihren Familien waren teilweise sehr eng geworden und dementsprechend schwer fiel uns der Abschied am darauffolgenden Tag, dem 3.April.

Ein letztes Foto, eine letzte Umarmung und dann ein letztes Winken, bevor wir in unser Flugzeug nach Deutschland stiegen, gefüllt und erfüllt mit tollen Erinnerungen, neuen Freundschaften und einem neuen Blick auf Russland und seinen Menschen, mit denen wir viel gemeinsame Zeit verbracht und viele Gemeinsamkeiten entdeckt hatten.

Amina Nolte

Die Moskaufahrt 2001

Es ist zwar jetzt schon eine Weile her, aber doch ist uns, die wir daran teilgenommen haben, die Moskaufahrt 2001 so nachhaltig im Gedächtnis haften geblieben, als wäre sie erst gestern zu Ende gegangen. Doch ich möchte ganz von vorne beginnen, denn schon die Vorbereitungen gehörten dazu, da sie für uns gewissermaßen der "Countdown" zum Tag X waren, dem 24.3.2001. Die Einführung in das russische Alphabet war mehr oder weniger schwierig, aber auf jeden Fall interessant. Außerdem erläuterte uns Frau Rueß-Stoll landeskundliche Besonderheiten und verdeutlichte uns anhand von drastischen Beispielen verschiedene Verhaltensregeln. Das allersicherste Indiz aber für den nahenden Stichtag war Frau Rueß-Stolls zunehmende Nervosität bei der Planung des Abschlussprogramms, das wir am letzten Abend unseres Aufenthalts aufzuführen gedachten. Herr Langenstein, der ebenfalls mit von der Partie war und genau wie wir Moskau und später auch St. Petersburg sichtlich genoss, blieb während dieser Zeit ruhig wie das Auge eines Tropensturms, während er mit uns Lieder probte und wir unter seiner fachkundigen Leitung einen russischen Volkstanz einstudierten.

Dann schließlich war es soweit: Es war Freitag, der 23.3.2001. Frau Ruess-Stoll händigte uns die Tickets aus und legte uns ans Herz, sie auf keinen Fall zu verlieren. Und sie erinnerte uns daran unsere Pässe mitzunehmen. Wir konnten ja noch nicht ahnen, wie wichtig dieser Satz für uns werden würde!

Der Flug am nächsten Tag war sehr ereignislos, doch beim Landeanflug herrschten dann gemischte Gefühle. Einerseits freute man sich, seine Austauschpartner wieder zu sehen, aber andererseits fühlte man sich auch etwas mulmig - unbegründet übrigens - bei dem Gedanken, zwei Wochen in einer völlig unbekannten und fremdartigen Stadt ohne die nötigen Sprachkenntnisse (bis auf die Teilnehmer des Russischkurses) zu verbringen. Am Flughafen dann das große Wiedersehen: Mit dem freudigen Ausdruck des Erkennens in den Augen stürzte man jubelnd aufeinander zu und ließ minutenlang nicht voneinander ab. Kein Wunder, denn schließlich war die Gruppe ja im letzten Herbst ganz gut zusammengewachsen.

Den nächsten Tag verbrachten wir in den Familien, tauschten Neuigkeiten aus, lernten Moskau kennen. Niemand ahnte, dass an diesem Tag etwas geschah, was unsere zwei Wochen grundlegend verändern würde... Es begab sich nämlich, daß einer unserer Leute mit seinem Austauschpartner spazieren ging, als sie plötzlich von einem Polizisten angehalten wurden. Er verlangte, den Pass unseres Schülers zu sehen, den er ihm auch gehorsam aushändigte. Nach einem kurzen Blick in das bordeauxfarbene Heftchen, dessen Eigentümer die Bundesrepublik Deutschland ist, gab der Polizist es zurück und sagte, er müsse unseren Schüler verhaften, da der Pass keinen Stempel enthalte, der ihm den Aufenthalt in Moskau gestatte. Wie sollte das gehen? Wir waren am Abend des Vortages angekommen und jetzt war es Sonntag und alle Stempelstellen hatten zu! Keine Chance also für unseren Schüler! Indes wurde der Polizist ungeduldig und betonte nachdrücklich, er müsse unseren Schüler verhaften. Doch plötzlich überlegte es der Polizist sich anders und machte unserem Schüler ein „unmoralisches Angebot“: Ein paar Scheinchen wechselten den Besitzer und der Polizist ging, als ob nichts geschehen wäre, wahrscheinlich, um sich einen schönen Abend zu machen.

Als Frau Ruess-Stoll von diesem Zwischenfall erfuhr, wurde sie ziemlich unruhig und fragte uns alle nach unseren Pässen. Den russischen Lehrern war dieser Vorfall sichtlich peinlich und sie boten uns an, die Pässe für uns stempeln zu lassen. Fortan durften wir sie nicht mehr vom Körper nehmen und uns nur noch in Begleitung von mindestens einem unserer Austauschpartner bewegen. Doch schnell rückte dieses diplomatische Missgeschick weit in den Hintergrund, denn wir bekamen den wohl berühmtesten Ort Moskaus zu sehen: den Kreml. Jeder von uns hat den Kreml ja sicher schon einmal in der Tagesschau gesehen. Doch diese Außenansicht vermittelt nur einen Bruchteil dessen, was einen im Inneren der Kremlmauer mit ihren Türmchen erwartet...

Im Kreml nämlich befinden sich mehrere SEHR repräsentative Gebäude, vor denen man sich klein und unwichtig vorkommt, von denen die Kirchen die prunkvollsten sind: Gold auf den Kuppeldächern, Gold an den Gesimsen, Gold im Inneren der Kirchen an den Ikonenwänden. Uns fielen bald die Augen aus dem Kopf vor Staunen, denn verglichen mit DIESEN Kirchen wirken unsere eigenen recht lächerlich. Dieser „Boah-ey-guck-dir-das-mal-an-Effekt“ war aber ständiger Begleiter unserer Sightseeing-Touren, denn architektonisch (unter anderem!) haben die Russen es, platt formuliert, richtig drauf. Mittags, vor unseren Exkursionen, bekamen wir in der Kantine der Schule immer etwas sehr Nahrhaftes zu essen, um unseren Wärmehaushalt bei Minusgraden aufrecht zu erhalten. Für uns weiche Europäer war das harte Kontinentalklima (ab null Grad abwärts) in den ersten paar Tagen eben etwas gewöhnungsbedürftig.

Das Anstrengendste am Vormittagsprogramm des ersten Tages im linguistischen Gymnasium 1513 waren die Hospitationen. Wir wurden morgens früh zu Schulbeginn in kleine Gruppen aufgeteilt (wahrscheinlich um uns zu schwächen) und in verschiedene Klassen verteilt. Dann saßen wir, meist zu fünft unter vielen kleinen Kindern, die dem deutschen Schulsystem entsprechend wohl die 3. oder 4. Klasse besuchten und durften die ganze Zeit erzählen, wie wir heißen, wo wir wohnen, wie wir „sind“, ob wir einen Vater haben, wie wir es schaffen, ausdauernd und gut in der Schule zu sein und so weiter. Nach 6 Stunden waren wir deshalb verständlicherweise sehr sehr müde und abgespannt. Frau Ruess-Stoll nahm ein allgemeines Meinungsbild über die Hospitationen auf und gab es weiter und - siehe da - am nächsten Morgen saßen wir nicht, wie eigentlich geplant, in einer 4., sondern in einer 8. Klasse. Dort konnte man schon mal in lockererer Atmosphäre Gespräche vertiefen, was dann insgesamt für einen hohen Fun-Faktor sorgte. Am interessantesten waren aber immer noch die Hospitationen in den Klassen unserer Austauschpartner, da diese wirklich anspruchsvolle Themen behandelten, wie zum Beispiel Kurzgeschichten von Böll und Gedichte der Trümmerliteratur. Es fand auch ein Gespräch über die aktuelle Situation von deutschen und russischen Schülern zwischen uns und Schülern der Klassen 9 statt, das an diesem Punkt auch erwähnt werden sollte: Denn im Verlauf dieser Diskussionsrunde, die im übrigen exzellent vorbereitet war, sahen wir, daß wir uns gar nicht so stark voneinander unterscheiden, wie es oft behauptet oder in den Medien dargestellt wird.

Auf dem Programm stand auch ein Besuch in der Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“, den die Schulleitung des Moskauer Gymnasiums für uns arrangiert hatte. Um die Produktionshallen betreten zu dürfen, mussten wir uns weiße Häubchen und Mäntel anziehen (albernes Gelächter inklusive). Anschließend wurden wir in die erste Produktionshalle geführt. Dort wurde uns etwas über die traditionelle Herstellungsart der Schokolade erzählt, die je nach Sorte verschieden ist. Dann führte uns eine Mitarbeiterin von Fließband zu Fließband, wo wir von den unterschiedlichen Sorten probieren durften. Ich kann nur sagen, fahrt hin und genießt den unvergleichlichen Geschmack der Schokolade von „Krasnyj Oktjabr“! Dieses volle Aroma der Kakaobohne und die sanfte Würze von Vanille...

Doch man muß höllisch darauf achten, daß man sich nicht übermäßig dem Genuß der Krasnyj-Oktjabr-Schokolade hingibt: Gegen Ende der Führung verspürten einige aus unserer Gruppe schon ein leichtes Drücken in der Magengegend und als wir dann den Tisch sahen, den man für uns mit Tee und - wie konnte es anders sein - mit Schokolade gedeckt hatte, da ging ein resigniertes Aufstöhnen durch die Gruppe. Dementsprechend blieb auch ziemlich viel von der Schokolade liegen, nur die großen Teekannen leerten sich auffallend schnell. Als es schließlich Zeit war zu gehen, bekam jeder von uns noch zum Abschied ein kleines Paket mit den drei besten Schokoladensorten überreicht, außerdem bot man uns an, die übriggebliebenen Pralinen für später mitzunehmen. Danke noch mal von hier aus!

Am folgenden Tag stand ein Abstecher zum „Arbat“ auf dem Programm. Hier schieden sich die Geister der Gruppe, denn der Arbat ist für Moskau, was für Rüdesheim die Drosselgasse ist. Während die eine Hälfte der Gruppe interessiert die Stände inspizierte, aß die andere zum Zeitvertreib mit den russischen Schülern ein Eis nach dem anderen. Dennoch war der Arbat sehenswert, immerhin ist er eine der ältesten Straßen in Moskau. Nach dem alten Arbat ging es dann schnurstracks zur im Jahr 2000 neu errichteten Erlöserkathedrale.

Am fünften Tag unseres Aufenthalts rückte dann wieder die Unterhaltung in den Vordergrund: Nach einem Spaziergang durch den Park von Kolomenskoje (Kolomenskoje war sozusagen das Wochenendhaus des Zaren Peter III.) führte man uns in einen gemütlichen Keller, wo wir interaktiv an einer traditionellen russischen Hochzeit teilnehmen durften. Zu der Hochzeit gehörten - wie konnte es anders sein - Braut und Bräutigam und die jeweiligen Elternpaare. Zunächst wurden erst einmal die Rollen der Eltern verteilt: Unter lautem und schadenfrohen Gejohle wurden Frau Ruess-Stoll und Herr Langenstein zu den Eltern des Bräutigams ernannt. Die Brauteltern wurden von einer russischen Schülerin und einem unserer Schüler verkörpert, beim Brautpaar war es genauso. Besonders schwer bei der nachfolgenden Zeremonie hatten es die „Väter“ der beiden Heiratenden, da sie, nach alter Tradition, lange Bojarengewänder und sehr hohe 5-Kilo Hüte tragen mußten. Eins muß man hier anmerken: Der Bräutigam hatte es im traditionellen Rußland nicht leicht. Am Tag vor der Hochzeit wurde er verspottet, musste am Tag der Hochzeit darum bangen, dass der Brautvater ihn doch noch im letzten Moment für unwürdig befand und musste diesen auch noch reich beschenken, bevor er die Braut endlich zeremoniell heiraten durfte. Was den letzten Punkt betrifft, so nahmen es die Probanden der Braut und des Bräutigams sehr ernst, denn nach ihrer Hochzeit sah man sie nur noch händchenhaltend umherlaufen, der Anfang einer kleinen Romanze...

Mittlerweile war es schon Samstag, unsere erste Woche in Moskau war wie im Flug vergangen. Samstag. Das hieß für uns Taschen packen mit allem, was man für 4 Tage St. Petersburg braucht. Um 00.28 Uhr ging unser Zug in Moskau ab. Die acht Stunden Fahrt verbrachten wir in Großraumliegewagen, denen es an Charakter nicht eben mangelte: Das Licht im Abteil war gedämpft bis dunkel und pro Wagen gab es einen Waschraum. Dennoch genossen wir die Fahrt, denn uns gefiel die Atmosphäre in dem Abteil. Man lag neben total fremden Menschen mit denen gerade mal 20% der Gruppe (Frau Ruess-Stoll inklusive) hätte sprechen können und verstand sich trotzdem irgendwie mit ihnen und hörte ringsherum das leise Geräusch von den Gesprächen im Abteil. Nur schlafen konnte man nicht so richtig, denn wie in jedem Raum, in dem sich viele Menschen befinden, war es in dem Liegewagen sehr warm. So waren wir auch ziemlich müde, als wir morgens im regengrauen aber nicht ganz so kalten St. Petersburg ankamen. Ein Bus fuhr uns erst zum Hotel, wo wir die Zimmer bezogen und dann weiter zu dem Haus wo Alexander Puschkin, der berühmteste russische Dichter, seine letzten Tage verbrachte. Eigentlich war Puschkin ein sehr glücklicher Mann gewesen, denn er hatte eine schöne Frau, Kinder, ein eigenes Haus und einen Riesenberg Schulden, was im alten St. Petersburg als schick galt. Sein Tod war sehr tragisch, er starb an den Folgen eines Duells mit einem Franzosen, der Puschkins Frau schöne Augen gemacht hatte. Als Abschluss des ersten Tages in St. Petersburg oder auch Piter, wie es die Russen nennen, stand eine Besichtigung der Eremitage, auch Winterpalais genannt, auf dem Programm, dem ehemaligen Zarenpalast, der unter anderem auch Museumsräume enthält. Worte sind einfach nicht genug, um die gesamte Pracht des Winterpalais zu beschreiben. Hauptsächlich wurde er aus Marmor erbaut und mit vielen Fenstern versehen, damit viel Licht in die gigantischen Hallen und unendlichen Gänge dringen konnte. Dann leisteten die Stuckateure ganze Arbeit und verzierten die Säulen, Treppengeländer und Decken mit Blattgold, Achat in verschiedenen Farben und Holz. Für die Böden des Palais wurden ebenfalls kunstvolle Muster entworfen, die aus verschiedenen Paneelen gelegt wurden und in einem der Säle sogar das Muster der Stuckdecke spiegelten. Alles zusammen verlieh dem Interieur des Winterpalais eine reichhaltige Fülle an Farben und wir waren erstaunt, was man alles noch an Details erkennen konnte, wenn man sich die Muster genauer ansah.

Viele der Exponate waren Möbelstücke, aber auch Statuen, Gemälde und alte ägyptische Mumien zählten zu der reichen Ausstattung der Eremitage. Der einzige Haken bei der Sache: Um so viel Pracht und Vielfalt ausstellen zu können, benötigt man nun mal besonders viel Platz, so dass wir drei Stunden lang durch die Hallen und Korridore wanderten und danach verständlicherweise ausgelaugt und müde waren. Aus diesem Grund beschlossen wir, abends einen drauf zu machen, um uns für unsere Mühen zu belohnen: Wir besorgten uns am Kiosk gegenüber vom Hotel einige Flaschen Bier und zogen uns auf ein Zimmer zurück. Dort besiegelten wir dann endgültig deutsch-russische Freundschaft.

NASDOROWJE!

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Zarskoje Selo, wo sich der Katharinenpalast befindet, der unter anderem das mysteriöse Bernsteinzimmer enthielt. Leider wurde er im Zweiten Weltkrieg sehr stark beschädigt, so dass er größtenteils völlig neu aufgebaut werden musste. Selbst jetzt wird noch immer daran gearbeitet, alles so detailgenau wie möglich nachzubauen. Trotzdem war es uns möglich, einen großen Teil des Palastes zu besichtigen. Zusätzlich waren in jedem der Räume Tafeln angebracht, die den jeweiligen Raum in seinem Zustand nach dem Krieg zeigten. Es war wirklich erschreckend zu sehen, mit welcher Brutalität die Nazis alles niedergebrannt hatten, was um St. Petersburg herum aufgebaut war.

Direkt neben dem Katharinenpalast befand sich das Lyzeum, eine Eliteschule, die auch Alexander Puschkin besucht hatte. Dort erfuhren wir, dass Puschkin zwar talentiert war, aber auch sehr, sehr faul. Die Naturwissenschaften schätzte er sehr wenig, nur in Russisch und Französisch zeigte er reges Interesse.

Unseren letzten Tag in Piter verbrachten wir, indem wir sämtliche Kirchen besichtigten. Jede von ihnen war anders: Die St.Isaak-Kathedrale, die höchste Kirche St.Peterburgs (256 Treppenstufen!!!), steht auf einer Säulenkonstruktion und ist im Innern mit großflächigen Mosaiken geschmückt. Übertroffen wurde sie aber von der Erlöserkathedrale-auf-Blut, welche innen nicht nur von einigen Mosaiken geschmückt wird, sondern daraus BESTEHT. Wenn man dann noch weiß, dass man für den Bau eines einzelnen Mosaiks bis zu 6 Jahre benötigte, dann möchte man sich in der Erlöserkathedrale-auf-Blut am liebsten vor Ehrfurcht verneigen. Schließlich mussten wir uns auch von Piter verabschieden und bewegten uns in Richtung Bahnhof, jedoch nicht ohne vorher noch einmal an der belebtesten Straße in St. Petersburg, dem Nevskij Prospekt, vorbeigeschaut zu haben.

Kaum wieder in der Hauptstadt zurück (wo es mittlerweile „etwas wärmer“ geworden war: 15°C!!!), stand auch schon der nächste Programmpunkt an. An einem Platz in Moskau, den noch nicht einmal drei Viertel unserer Austauschpartner kannten, steht in Moskau ein altes Bojarenhaus, wo wir uns trafen, sechs Stunden nachdem wir aus Piter zurückgekehrt waren. Die Bojaren stellten während des Mittelalters den russischen Adel dar und entsprechend war das Haus auch ausgestattet. Es gab ein großes Esszimmer, von wo aus zwei Türen in die beiden Flügel des Hauses führten, die eine Tür in den Frauenflügel, die andere in den Männerflügel. Die jungen Männer damals wurden sehr streng erzogen, sie mussten auf eisenbeschlagenen Kisten schlafen und wurden für alles bestraft, was sie, der subjektiven Einschätzung ihres Lehrers nach, verkehrt machten. Dafür wurden aus ihnen aber auch ordentliche Krieger, die wahrscheinlich allerhand einstecken und austeilen konnten. Die Mädchen hatten es da einfacher, sie mussten nur lernen zu sticken und Kinder zu erziehen. Im Anschluß an die interessante Führung durch das Bojarenhaus ging es in die Tretjakow-Gemäldegalerie.

Ursprünglich hatte sie einmal aus einer Handvoll Gemälden bestanden, die sich ein Kunstliebhaber, Herr Tretjakow, gekauft hatte und sie bei sich zu Hause aufhängte. Doch mit der Zeit wuchs seine Sammlung und der Platz wurde knapp. Da es sich bei Tretjakow jedoch um einen wohlhabenden Kaufmann handelte, kaufte er kurzerhand das Nachbarhaus, ließ die trennenden Wände entfernen und weitete seine Gemäldegalerie aus. Schließlich gehörten ihm fast alle Häuser der einen Straßenseite, in denen sich auch heute noch die Tretjakow-Gemäldegalerie befindet.

Oh weh, oh weh! Es war traurig aber wahr, Freitag der 6.4.2001 sollte der letzte Tag unseres Aufenthaltes sein! So kosteten wir noch einmal die Unterrichtshospitationen voll aus und gingen unser Abschlussprogramm durch. Die Abschlussfeier fand am Nachmittag statt und einmal mehr gaben unsere Freunde alles und deckten eine große Kaffeetafel. Wie sollten wir das alles nur schaffen?! Da standen Kuchen, Törtchen, Piroggen, Obst und vieles andere, zum allergrößten Teil selbstgebacken. Doch bevor wir uns gemeinsam an den Leckereien gütlich tun wollten, spielten wir den Gastgebern unser Programm vor, das übrigens gut ankam. Besonders die „Troika“, der unter Anweisungen Herrn Langensteins einstudierte Tanz, löste gewaltigen Applaus aus.

Beim Essen beschlossen wir, abends noch gemeinsam etwas zu unternehmen, sozusagen als krönenden Abschluß. So kam es, dass wir uns dann in der Wohnung der Eltern eines der Austauschschüler trafen und es noch mal richtig „krachen ließen“: Wir hörten Musik, tranken Wein, knabberten dazu ein paar Kekse und schwelgten noch einmal in Erinnerungen und planten schon für das nächste Zusammentreffen. Dann wurde einigen etwas zappelig zumute und einer der Russen schlug vor, die „Troika“ zu tanzen. Das gab eine Gaudi! Denn die Russen hatten noch nie „Troika“ getanzt und das Zimmer war für diesen Zweck etwas klein.

Doch auch die schönste Zeit neigt sich auch mal dem Ende zu und so wurden alle etwas stiller, als es Zeit wurde, zu gehen. Der nächste Morgen war grausam, selbst das Wetter erinnerte einen daran, dass es kein glücklicher Tag war und eine der russischen Lehrerinnen traf den Nagel auf den Kopf, als sie sagte: "Ja, ihr fahrt und der Himmel weint."

Am Flughafen standen wir dann bedrückt im Kreis und sahen uns gegenseitig immer wieder zaghaft lächelnd an, vergeblich darum bemüht, uns gegenseitig aufzumuntern. Als es dann hieß, man solle sich langsam bereit machen zum Check-In, nahmen wir schweren Herzens Abschied von unseren Freunden. Natürlich flossen Tränen und wir zögerten den endgültigen Abschied so lange wie möglich hinaus. Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem man loslassen mußte und wir uns auf den Weg in Richtung Abfertigungshalle machen mussten. Solange wir konnten, winkten wir uns noch zu, bis uns der Gang zum Wartesaal verschlang. Da saßen wir nun und trauerten der wunderschönen Zeit nach, die wir in den zwei Wochen durchlebt hatten. Dieser Abschied war besonders schwer gefallen, denn anders als im vorigen Herbst stand diesmal nicht fest, wann wir uns wieder treffen würden. Wir waren uns nur sicher: So bald wie möglich...

Marcel Weimar